Musik hören mit und ohne Cochlea Implantat mit einseitiger Ertaubung - Wie ist das?

Was die Champions League für den Vereinsfußball ist, ist die Musik für das Gehör. Umso mehr stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, was mit diesem Quell der Lebensfreude passieren kann, wenn das Gehör versagt? CI und Musik, geht das? Elektro vs. Akustik? Mono vs. Stereo? Hier (inspiriert durch meine Musiktherapeutin) eine sehr persönliche Gegenüberstellung meiner Erfahrungen mit Musik in den Lebensphasen Stereo, Mono und Elektrisch. (Der Beitrag ist ein Reupload auf der neuen Plattform mit Aktualisierungen)

Epoche 1: Musik mit zwei gesunden Ohren

Lieblingsmusik

In meinem Leben mit zwei gesunden Ohren habe ich fast alle Arten von Musik gerne gehört.


Musik im Auto

Als Pendler habe ich häufig im Auto die Musik nach Feierabend aufgedreht, um die Arbeitsgedanken zu vertreiben. Von BigFm bis Klassikradio hörte ich mir alles an.


Voll auf die Ohren

Konzerte, Festivals, Discos, randvolle Kneipen. An vielen Orten in den unterschiedlichsten Lautstärken und Formen konnte ich Musik genießen


Musizieren

Wirklich viel Musik selbst habe ich in meinem Leben nicht gemacht, abgesehen von ein wenig Keyboardunterricht in der Kindheit und selbstbeigebrachtes Klavierspiel nach dem Studium.


Epoche 2: Musik nach der einseitigen Ertaubung (ohne CI)

Musik im Auto als SSDler

Musik höre ich beim Pendeln seit dem einseitigen Ertauben nicht mehr, denn mein gesundes Ohr ist sehr geräuschempfindlich geworden. Zudem raubt mir leider das asymmetrische Hören von Musik viel Konzentration. Durch die einseitige Ertaubung gewinne ich kaum Kraft aus der Musik, sondern werde erschöpft. Die Aufmerksamkeit sinkt, was im Straßenverkehr ja nicht unbedingt so vorteilhaft ist... Deshalb höre ich eigentlich nur noch Deutschlandfunk beim Pendeln, da Reportagen komischerweise besser aufgenommen werden können.


Voll auf die Ohren, ähm das Ohr

Dass ich nun (abgesehen von den vier kleinen Gründen mit je zwei Beinen bei mir zu Hause) kein Stammgast in Discos, Heavy Metal Festivals und randvollen Kellerkneipen bin, ist glaube ich nicht schwer zu erraten.


Festivals und Co als SSDler

Wobei, ein Jahre nach meiner einseitigen Ertaubung Jahr schleppte mich meine Frau zum Glück auf mein erstes "Mono" Festival ("Das Fest" in Karlsruhe). Mit Gehörschutz klappte das trotz anfänglicher bedenken erstaunlich gut. Einmal verrutschte er mir jedoch und ich bekam die absolute Oberkrise, als plötzlich dieser Lärmpegel auf mein gesundes Weichei-Ohr traf. Das ist einfach sehr überempfindlich geworden, seitdem es alleinig das Hören übernehmen musste :) Unterhaltungen waren bei den lauten Umgebungsgeräuschen nur sehr eingeschränkt möglich (der Gehörschutz lässt jedoch die hochfrequenten Töne der Sprache einigermaßen durch). Die Musik konnte ich beim Festival ganz gut aufnehmen, da zum einen das Flair, zum anderen das Vibrieren der Musik im Körper das Musikerlebnis abrunden. Diese Wahrnehmungen werden nicht durch den einseitigen Gehörverlust gemindert. Ich versuche stets mich darauf zu fokussieren, was noch geht, als auf das, was nicht mehr funktionieren kann :) So habe ich mich auch im Buch zum Thema "Einseitige Taubheit" (*Werbung*) darauf fokussiert, Wege und Lösungen aufzuzeigen, die mir im Leben als Mono weitegeholfen haben.


Klassisches Konzert als SSDler

Der Besuch eines klassischen Konzerts (mag ich eigentlich sehr gerne) war leider sehr ernüchternd einige Monate nach der einseitigen Ertaubung. Das herrliche Klangvolumen, das den Raum sonst wie Honig flutet, war gänzlich nicht mehr vorhanden. Das Orchester spielte gefühlt direkt in meinem gesunden Ohr (es schrumpft quasi auf eine Singularität) und nicht im Zentrum der Bühne vor mir. Auf der anderen Seite schrillte der Tinnitus und zelebrierte seinen Triumpf über die schönen Klänge der Welt. Er rieb es mir förmlich unter die Nase, dass er eindringlicher und lauter ist als alles andere. Die räumliche Zuordnung war mir auch nicht mehr möglich und somit das Fokussieren auf einzelne Instrumente hinfällig. Bei Solostücken hätte ich heulen können, da ich vor allem Tinnitus wahrnahm. Das war ein halbes Jahr nach meiner einseitigen Ertaubung.


Musizieren als SSDler

Das Klavierspiel hatte ich zunächst aufgehört, da das fehlende Klangvolumen selbst für mich als wenig anspruchsvoller Hobbyklimperer am Anfang zu deprimierend war.


Epoche 3: Musik mit CI

Hoffentlich ändert sich das nun wieder etwas mit dem Cochlea Implantat. Ich kann es kaum glauben, dass ich Musik zum Teil drei Tage nach der Inbetriebnahme ganz akzeptabel erkennen kann, jedoch natürlich nicht natürlich wie mit dem gesunden Ohr :) Es ist eher das erkennen von Rhythmus in einer neuen, fremdartigen Geräuschwelt.

Hier eine kurzer Beitrag zur Problematik von Musik und Cochlea Implantat:

Für alle nicht CI'ler habe ich ein Simulationsbeispiel gefunden, wie ein geübter Cochlea Implantat Träger nach langem Training Musik wahrnehmen kann:

Zum Thema CI Hörsimulation habe ich einen eigenen Beitrag geschrieben.


Klassische Musik mit CI

Einen guten Einstieg in die Welt der Musik mit CI bieten, meiner Erfahrung nach, langsame Klavierstücke wie dieses hier:

Akustisch und elektrisch wunderbar ansprechend und interessant im Wechsel von Rhythmus, Melodie, Lautstärke und Klangfarbe! Ich gebe mein Bestes das Positive zu entdecken und nicht den Fokus auf dem Unnatürlichen zu lassen. Das Negative versuche ich mit Humor zu nehmen, z.B. muss ich bei diesem Stück mit dem wütenden Gorilla. herzhaft unter dieser Vorstellung lachen :D

Sehr schwierig kann das Hören von Gesang (hohe Stimmen) und Streichinstrumente sein. Bei diesem Stück hatte ich als Anfänger mit CI das Gefühl, dass der Sprachprozessor jeden Moment durchschmilzt (Stelle ab 1:50).

Die Elektroden feuern aus allen Rohren ein wahres Impulsgewitter auf den Hörnerv ab :)

Ein Orchester stellt für mich als CI Höranfänger noch eine Überforderung dar. Nach mehr als fünf Jahren Übung überfordert mich das Hören solcher Stücke nicht mehr. Ich kann auch mit starken Reizfluten über das Cochlea Implantat gut umgehen.


Voll auf die Ohren mit CI

Machen wir einen knallharten Genrewechsel :) Mir hatte es die Socken ausgezogen, als ich den Track von Benny Benassi aus Spaß das erste Mal mit Cochlea Implantat gestartet habe.

Das klingt größtenteils nahezu Original im CI! Okay, zugegeben, wenn die Frau singt, dann klang das als CI Höranfänger nicht nach Frau, nicht einmal nach einer Roboterfrau. Es hätte genauso gut 50 Cent sein können. Aber die elektrischen Geräusche kamen zum Teil im CI extrem gut rüber (z.B. ab 0:17)! Unfassbar! Ein riesiges AHA Erlebnis. Auf beiden Ohren einen fast gleichen Höreindruck, was für ein unglaubliches Gefühl! Ja, es ist möglich unter ganz bestimmten Voraussetzungen mit einem CI fast den gleichen Sound wahrnehmen zu können wie auf dem gesunden Ohr. Das habe ich bisher noch nirgendwo gelesen oder gehört, aber bei dieser Stelle ist es für mein subjektives Empfinden Realität. Lang lebe die Technik und der Techno ;)


Generell lässt sich bei perkussiver Musik gut der Rhythmus erkennen

Klingt etwas verzerrt zum Teil mit CI, aber im Intro sonst richtig gut. Manchmal, wenn zu viele akustische Eindrücke sich überlagern (z.B.1:20), geht dem CI gefühlt der Saft aus und die Klangschärfe und der Schalldruck lassen nach.


Fazit

Ich habe von Anfang an den Sprachprozessor des Cochlea Implantats beim Musik hören eingeschaltet gelassen. Ich finde, das Cochlea Implantat wertet das wahrgenommene Klangvolumen auf, verdrängt den Tinnitus bei mir und lässt die Geräuschüberempfindlichkeit auf dem gesunden Ohr nach unten gehen. Beste Bedingungen als, wieder Musik genießen zu können, auch wenn das elektrische Hören mit CI anders klingt als das gesunde Ohr und dieses auch nicht gleichwertig ersetzt werden kann.


Was sind deine Erfahrungen?

Musizieren mit CI

Zu Hause nach der Erstanpassung möchte ich mich wieder ans Klavier spielen wagen. Das wird mir sehr von meiner Musiktherapeutin empfohlen, da es die Neuvernetzung im Gehirn anregt (Verknüpfung elektrisches und akustisches Hören über Klang, Sehen, Erfahrung und Bewegen). Das Richtungshören kann dadurch wieder gefördert werden. (Anmerkung fünf Jahre später: Das habe ich dann auch getan :) )


Fazit

So, das war ein breiter Schwenk durch das Thema Musik in allen akustischen Lebenslagen!


Musik und CI kann funktionieren, es ist eine Frage der Erwartungshaltung und des persönlichen Fokus. Einseitig Taube haben zum Glück noch die Möglichkeit, das akustische Hören zu genießen und mit dem CI etwas mehr Fülle zu verleihen. Akustik- und Elektro-Ohr können sich ergänzen und sind nicht zwangsläufig im Gegensatz.

Unter ganz bestimmten Umständen kann der Höreindruck auf dem CI Ohr mit dem gesunden Ohr recht gut übereinstimmen und ein tolles Klangerlebnis stellt sich ein. Ansonsten ist es für mich wunderbar, dass durch das CI mein Tinnitus und meine Geräuschüberempfindlichkeit reduziert und dadurch das Hörerlebnis grundsätzlich deutlich positiver wahrgenommen werden kann.


Diskutiert wird das Thema hier im Forum. Ich freue mich über Tipps und Erfahrungen rund um das Thema Musik in Verbindung mit SSD und CI!


Falls dir der Beitrag gefallen hat, freue ich mich über ein liken und teilen, damit dieser auch von anderen Betroffenen gefunden werden kann. Weniger informell, dafür umfangreich und übersichtlich habe ich meine Erfahrungswerte und Tipps zu den Themen einseitige Taubheit und Cochlea Implantat als Buch/eBook (Werbung) festgehalten.